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Perfekt getrimmt*

Mag. pharm. Dr. Irmgard Pötschger

Medizinisch definiert sind Haare tote Hornfäden, die genauso wie Nägel zu den Hautanhangsgebilden gehören. Ob diese leblosen Strukturen vital und glänzend sind, hängt vom Zusammenspiel verschiedener Faktoren ab.

Haare haben wichtige physiologische und psychologische Bedeutung. Neben dem Schutz vor ultraviolettem Sonnenlicht haben Kopfhaare jedoch auch biologischen Signalcharakter. So symbolisiert bei Frauen langes, volles Haar Jugendlichkeit und Schönheit, während bei Männern eine dichte Kopfbehaarung mit Vitalität assoziiert wird. Nur allzu verständlich, dass Haarausfall und das Sprießen der ersten grauen Haare auf das Gemüt schlagen und die Betroffenen Rat suchen.

Wachstumsphasen des Haares

Der Motor für das Wachstum der Haare liegt in der Haarzwiebel. Ihr Kern ist die sogenannte Haarpapille, die über kleinste Blutgefäße mit essenziellen Nährstoffen versorgt wird. Die Haarpapille ist für die Versorgung, Bildung und das Wachstum des Haares verantwortlich. Haare wachsen nicht synchron und kontinuierlich, sondern es wechseln sich Phasen von Wachstum, Ruhe und Rückbildung ab. Gesteuert wird der Haarzyklus von Hormonen, Wachstumsfaktoren und Genen.

Anagene Phase

Die Wachstumsphase dauert zwischen zwei und sieben Jahren und bestimmt die Länge des Haarschafts. In dieser Phase ernährt die Haarwurzel die Haare. Die Zellen teilen sich extrem schnell, und die Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sowie Aminosäuren ist wichtig, damit die Haarsubstanz (Keratin) kontinuierlich neu gebildet werden kann.

Catagene Phase

Die Übergangsphase dauert zwei bis drei Wochen und wird als catagen bezeichnet. Gekennzeichnet ist sie durch den Stopp der Nährstoffzufuhr. Das Haar beginnt nach und nach zu verhornen.

Telogene Phase

Die catagene Phase geht in die Ruhe- und Abstoßungsphase über. Hier wird der Haarschaft in der Wurzel abgebaut. Das Haar lockert sich. Schon kleine mechanische Beanspruchungen genügen nun, und das Haar fällt aus. Das Wachstum und die maximal erreichbare Haarlänge sind begrenzt. Verantwortlich dafür ist zum einen die Genetik. Zum anderen beeinflussen Stress, eine mangelhafte Ernährung und die hormonelle Situation den Nährstoff-Status und in weiterer Folge auch die Beschaffenheit von Haaren und Nägeln. Außerdem wirkt sich die Einnahme von oralen östrogenhaltigen Kontrazeptiva negativ auf das endogene Vorkommen von Vitamin B6,Vitamin B12 und Folsäure und damit auf den Zustand des Haares aus. Denn die Versorgung mit bestimmten Vitaminen des B-Komplexes ist entscheidend für das normale Wachstum von Haaren und Nägeln.

Gestärkt bis in die Wurzel

Um das Haar gut zu verwurzeln, benötigt der Organismus Biotin (Vitamin H oder Vitamin B7), ein essenzielles wasserlösliches Vitamin. Es ist in Eiern und Milchprodukten enthalten, wird aber ebenso von der intestinalen Mikroflora synthetisiert, weshalb sich langfristige Antibiotika Behandlungen negativ auf die Haarfülle auswirken können. Biotin dient als Coenzym der Carboxylase und katalysiert Reaktionen, wie zum Beispiel die Fettsynthese, den Aminosäure-Metabolismus und die Gluconeogenese. Seine physiologische Bedeutung kam erst durch die Entdeckung eines angeborenen Fehlers des Biotin-Stoffwechsels ans Tageslicht. So äußern sich sowohl Mutationen der Biotinidase als auch der Holocarboxylase in einem haarlosen Phänotyp. Beide Erkrankungen profitieren von einer frühzeitigen Versorgung mit Biotin. Beim Krankheitsbild Pili trianguli et canaliculi („Unkämmbares Haar“ oder „Struwwelpeter-Syndrom“), das sich in krausen, trockenen, schwer kämmbaren, hellblonden Haaren äußert, verbessert sich die Haarstruktur durch die Anwendung von Biotin merklich. Biotin unterstützt die Durchblutung der Kopfhaut und damit die Aufnahme von Mikronährstoffen. Das Vorkommen von Schuppen wird reduziert, und das Haar fühlt sich geschmeidig an.

Unterstützt wird Biotin in seiner Funktion als „Schönheitsvitamin“ von anderen B-Vitaminen, wie zum Beispiel Niacin (Vitamin B3). Niacin fungiert als wichtiges Coenzym im Citratzyklus (ATP-Produktion) und spendet den Haarwurzeln Kraft, die für die Produktion des Haarschafts und für das Wachstum benötigt wird.Bei einem Mangel an Niacin kommt es zur Erkrankung Pellagra, deren frühes Stadium durch Haarausfall charakterisiert ist. In diesem Zusammenhang darf auch Vitamin C (Ascorbinsäure) nicht ungenannt bleiben. Ascorbinsäure ist essenziell für die Kollagen-Synthese und die Vernetzung der Kollagen- und Keratinfasern. Vitamin C verbessert auch die Resorption von Eisen. Es transportiert den Haarbaustein Eisen in die Haarwurzel. Die Beziehung zwischen Eisenmangel und Haarausfall ist noch nicht gänzlich erforscht: Eisen könnte die Expression spezieller Gene der Haarwurzel beeinflussen. Auf diese Weise ist das Spurenelement sowohl am Haarzyklus als auch an der Differenzierung der Haarfollikel beteiligt. Vor allem bei Frauen vor der Menopause scheint ein Eisendefizit mit Haarausfall assoziiert zu sein.

Schönes Haar in Hülle und Fülle

Die Vernetzung der Keratinfasern liegt nicht nur in der Verantwortung von Vitamin C. Auch andere Nährstoffe wie beispielsweise Silicium sind begnadete „Netzwerker“. Silicium ist das zweithäufigste Spurenelement auf Erden und das dritthäufigste Element im menschlichen Körper. Es kommt nahezu überall vor, zum Beispiel auch in Wasser. In seiner Funktion als Mikronährstoff steht Silicium schon lange im Fokus der Wissenschaft. Studien zeigen, dass eine ausreichende Versorgung mit dem Spurenelement die Hautstärke und -elastizität positiv beeinflusst. Haare und Nägel profitieren ebenso von einer ausreichenden Versorgung mit Silicium. Das Enzym Propyl-Hydroxylase ist vom Silicium-Gehalt abhängig und beeinflusst damit in weiterer Folge die Synthese von Kollagen Typ I und damit den Bindegewebsaufbau. Eine bedarfsgerechte Versorgung mit Silicium unterstützt die Struktur des Haares und wirkt sich positiv auf die Haardichte aus. Eine placebokontrollierte doppelblinde randomisierte Studie stellte genau diese Hypothese in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Über einen Zeitraum von 9 Monaten wurden 48 Frauen mit dünnem, feinem Haar mit Silicium versorgt. Die Haarbeschaffenheit und -dichte wurde zu Beginn des Untersuchungszeitraums und nach Ende der Studie evaluiert. Die orale Gabe von Silicium führte zu dickerem, stärkerem und weniger brüchigem Haar.

Biotin spendet den Haarwurzeln Kraft.

Antioxidanzien – kleine Moleküle, großer Schutz

Genetische Regelkreise und eine genetische Prädisposition können das Haar bereits im zarten Alter von Mitte zwanzig grau werden lassen. Hier ist das Abhandenkommen funktioneller Melanozyten in der anagenen Phase des Haar-Wachstums mit dem Anreichern von ROS (reaktiven Sauerstoff Spezies) im Follikel und den dadurch verursachten oxidativen Schäden assoziiert. Oxidativer Stress entsteht, das Haar ergraut. Im Gegensatz zu den pigmentierten Wurzeln in ihrem Umfeld verlieren die Melanozyten ihre Katalase-Aktivität und damit ihre antioxidative Fähigkeit. Zink spielt bei nahezu allen Stoffwechselwegen eine essenzielle Rolle, so auch in der Biologie des Haares, wo das Spurenelement durch immunmodulierende Effekte unterstützt. Durch die Aktivierung diverser Substanzen als Metallothioneine dient es als exzellentes Antioxidans. Zink hemmt Enzyme wie die Tyrosinase, das umsatzbestimmende Enzym der Melanin-Produktion im Haarfollikel (Melanogenese). DNA-Stabilität und Reparaturmechanismen profitieren von einer ausreichenden Versorgung mit Zink. Die sich rasch teilenden Haarfollikel laufen ständig Gefahr, einen Fehler zu machen, und dies könnte wiederum sowohl Haarfarbe als auch Haarwuchs negativ beeinflussen.

Gesundes Haar benötigt mehr als bloße Zuwendung und Pflege von außen. Das Wissen über Vitamine, Spurenelemente und Antioxidanzien bestätigt: Wahre Schönheit kommt auch von innen.

*Erstveröffentlicht im "PRO Q2/2017 - Magazin für medizinische Fachkreise". www.promedico.at

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