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Wege aus der Stressfalle*

Mag. pharm. Dr. Irmgard Pötschger

Hundert Dinge zu erledigen, Tausend weitere Gedanken im Kopf? Vorsicht, die Stressfalle ruft. Neben Maßnahmen wie dem richtigen Zeitmanagement sowie der Anpassung des Lebensstils und der Ernährung hat sich auch der Einsatz bestimmter Mikronährstoffe bei Stress bestens etabliert.

Ständiger Zeitdruck und andauerndes Gehetztsein scheinen heute schon zum guten Ton zu gehören. An negativ empfundenem Stress mangelt es der Gesellschaft bestimmt nicht.

In Österreich und Deutschland nehmen die psychisch bedingten Krankenstände beträchtlich zu. 1994 zeigten sich psychische Probleme in Österreich für 1 Million der Krankenstandstage verantwortlich. Heute sind es bereits 3,6 Millionen. Das entspricht einer Steigerung von 340 %. Auch ein Drittel der Frühpensionen sind auf seelische Beschwerden zurückzuführen. Der Stressreport Deutschland 2012 berichtet über 59 Millionen Krankenstandstage durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz. 43 Prozent der Arbeitnehmer geben an, dass der Leistungsdruck in den letzten Jahren erheblich größer geworden ist. Aber auch Kinder und Jugendliche leiden zunehmend unter Leistungsdruck und/oder Freizeitstress. Und all jene, die Haushalt, Familie und Beruf unter einen Hut bekommen müssen, sparen bei den erforderlichen Ruhephasen.

Was ist Stress?

Der österreichisch-kanadische Mediziner Hans Selye (1907–1982) – „Vater der Stressforschung“ – definierte Stress als „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung“. Stress ist also nichts grundlegend Schlechtes. Es können auch positive Ereignisse, wie zum Beispiel ein neuer Job oder die Geburt eines Kindes, von den Stressleitstellen im Gehirn als alarmierendes Signal verzeichnet werden. Ein gewisses Maß an Stress erhöht unsere Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit – Höchstleistungen können vollbracht werden. Die Stressreaktion an sich stellt also nicht das Problem dar, ganz im Gegenteil, ohne sie wären außerordentliche Leistungen des Menschen nicht möglich. Vielmehr geht es um ihre Begrenzung auf das nötige und zugleich geringste erforderliche Ausmaß. Jeder Belastungssituation muss eine Erholungsphase folgen. Es gilt dem chronischen Stress – ohne ausreichend lange Ruhephasen – rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben.

Die Rolle der Mitochondrien

Die Bewältigung jeder akuten und episodisch akuten Stressreaktion ist ein äußerst energiereicher Prozess. Als episodisch akuter Stress werden sich in kurzen Abständen wiederholende Stresssituationen bezeichnet. So sehr der Organismus unter normaler Beanspruchung bemüht ist, den Energieverbrauch ökonomisch zu halten, so schnell verlässt er dieses Prinzip bei der Stressantwort. Adenosintriphosphat (ATP) wird dann vollständig zu Adenosin dephosphoryliert. Die Regeneration von Adenosin zu ATP in den Mitochondrien dauert wesentlich länger als die unter normalen Umständen erforderliche Rephosphorylierung von Adenosindiphosphat (ADP). Und sie erfordert zusätzlich einen gut gefüllten Vorrat an Mikronährstoffen, wie zum Beispiel an B-Vitaminen, Magnesium oder Coenzym Q10 sowie an ATP. Addieren sich akute Stressereignisse, ist das für die Zellen ähnlich energieraubend wie ein Marathon. Daher gilt es auch Vorsicht walten zu lassen, wenn Sport als Stressausgleich dienen soll. Dieser muss so energieschonend wie möglich betrieben werden, um die ohnehin sinkende Energiebilanz nicht noch weiter zu verschlechtern. Als Faustregel gilt: Nach der sportlichen Aktivität sollte kein Erschöpfungsgefühl empfunden werden. Bei chronischem Stress und Burn-out fahren die Zellen die Energieproduktion auf ein überlebensnotwendiges Mindestmaß herunter.

Mikronährstoffe im Stressmanagement

Der Verbrauch an Mikronährstoffen im Zusammenhang mit Stressreaktionen ist außerordentlich hoch. Gerade in Stresssituationen neigen aber viele zu ungünstigen Verhaltensweisen wie ungesunder, vitalstoffarmer Ernährung oder dem vermehrten Konsum von Alkohol und Nikotin – ein Teufelskreis beginnt. Oberstes Ziel einer gezielten Mikronährstoffversorgung ist die Optimierung des Energiestoffwechsels über die Aktivierung der mitochondrialen ATP-Synthese, Zellschutz über Antioxidanzien und Steigerung des psychischen Wohlbefindens über die Bereitstellung der Ausgangsaminosäuren sowie der Co-Enzyme und Co-Faktoren zur Neurotransmitter-Synthese.

Raus aus dem Hamsterrad!

Termindruck, Freizeitstress und das Leben als eine nie enden wollende To-do-Liste: Dauerstress kann ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben. Stressabbau beginnt mit dem Willen zur Selbstveränderung, und diese wiederum ist der Schlüssel zu einem Leben ohne chronischen Stress. Ein ganzheitlicher Ansatz, der die Bereiche mikronährstoffreiche Ernährung, moderate Bewegung an der frischen Luft, genügend Zeit für sich selbst und Minimierung von Dauerstressoren miteinbindet, ist der beste Weg zur Entschleunigung.

* Erstveröffentlicht im "PRO Q1/2017 - Magazin für medizinische Fachkreise". www.promedico.at

Quellen:
Die Presse; AK warnt: Psychisch bedingte Krankenstände nehmen extrem zu; Die Presse 20. 04. 2016; http://diepresse.com/home/ wirtschaft/economist/4971672/AK-warnt_Psychisch-bedingte- Krankenstaende-nehmen-stark-zu (abgerufen am 20. 04. 2016)
Lohmann-Haislah A.; Stressreport Deutschland 2012: Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden; Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2012;
Müller KE.; Stressregulation und Mitochondrienfunktion; Zeitschrift für orthomolekulare Medizin 2013; 1:9–13
Gröber U.; Mikronährstoffe, Metabolic Tuning – Prävention – Therapie; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2011; Aufl. 3