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Resveratrol – der mögliche Schlüssel zur Langlebigkeit?*

Anna Schönegger

Der sekundäre Pflanzenstoff Resveratrol verlängert die Lebenszeit. Eine Hypothese, die nicht zuletzt durch das französische Paradoxon in den Fokus vieler Forschungsarbeiten gerückt ist. Doch welche Fakten stützen diese Behauptung tatsächlich? Ein wissenschaftlicher Blick hinter die Fassade des polyphenolischen Jungbrunnens.

Französisches Paradoxon

Resveratrol kommt hauptsächlich in der Weintraubenschale und in geringeren Konzentrationen auch in den Traubenkernen und den restlichen Pflanzenteilen vor. Den höchsten Resveratrol-Gehalt hat jedoch der Japanische Staudenknöterich Polygonum cuspidatum. Internationale Bekanntheit erlangte das Flavonoid in den 1990er Jahren als mögliche Erklärung für das französische Paradoxon. Epidemiologen bemerkten zu dieser Zeit, dass in Frankreich, vor allem in südlicheren Regionen, die Herzinfarktrate um etwa 30 bis 40 % niedriger lag als in vergleichbaren europäischen Ländern, und das, obwohl die Franzosen eine eher cholesterinreiche Kost lieben und auch dem Rauchen weniger abgeneigt sind als andere Europäer. Postuliert wurde daraufhin die Theorie der höhere Rotweinkonsum, insbesondere das darin enthaltene Resveratrol, wirke kardioprotektiv. In nachfolgenden wissenschaftlichen Arbeiten wurde diese Annahme wieder etwas relativiert. Resveratrol blieb jedoch wissenschaftlich von großem Interesse, und das mit Recht.

Positiver Einfluss auf Signaltransduktionswege

Es gibt kaum einen sekundären Pflanzenstoff über den in den letzten Jahren so viel publiziert wurde wie über Resveratrol. Basierend auf der großen Anzahl durchgeführter Resveratrol-Studien gilt es heute als wissenschaftlich belegt, dass Resveratrol zahlreiche intrazelluläre Signaltransduktionswege aktivieren kann. Die Effekte wurden in experimentellen Versuchsreihen im metabolischen, kardiovaskulären, neurologischen und zytoprotektiven Bereich beobachtet, aber auch im Alterungsprozess der Zelle selbst. Die positive Beeinflussung der Signaltransduktionsprozesse bringt für die Zelle eine Lebensverlängerung mit sich. Wichtig dabei ist natürlich, dass die gewonnene Lebenszeit auch eine gesunde ist. Hierfür gibt es überzeugende Hinweise, vor allem über eine Reduktion altersassoziierter Abbauprozesse im Bereich der Neurodegeneration.

Vielversprechendes Sirtuin-1

Gemeinsamer Knotenpunkt aller Signalwege ist das Enzym Sirtuin-1 (SIRT-1), eine NAD-abhängige Deacetylase, die von Resveratrol aktiviert wird und als Steuerelement Einfluss auf eine Vielzahl an Zielproteinen nimmt – sowohl im Zellkern als auch im Zytoplasma. Nukleär deacetyliert SIRT-1 unter anderem Histone, mit dem Resultat einer enger gewundenen, dichter gepackteren, stabileren DNS. Auf diese Weise wird der Bildung extrachromosomaler DNS-Ringe entgegengewirkt wodurch sich die Teilungsfähigkeit der Zelle verlängert – sie bleibt länger „jung“. Der beobachtete inhibitorische Effekt von Resveratrol auf die Entstehung kardiovaskulärer Ereignisse, welche die Lebensdauer heutzutage maßgebend beeinflussen, basiert vor allem auf einer Reduktion der Plättchenaggregation. Zugrunde liegender Mechanismus ist dabei eine selektive Inhibierung der Prostaglandin-H2-Synthase sowie der Cyclooxygenase 1 (COX-1). Durch eine Hemmung der COX-1 und der daraus resultierenden Unterdrückung der Thromboxan-A2-Bildung, ergeben sich aber auch vasodilatorische Effekte. Zusätzlich scheint Resveratrol sein vasodilatorisches Potential auch durch eine Induktion der iNOS- und eNOS-Expression auszuüben. Resveratrol kann über die SIRT-1-Aktivierung auch Einfluss auf das neurodegenerative Geschehen nehmen. Dabei gelingt es dem Polyphenol indirekt u. a. die Signalkaskaden von NF- B zu unterdrücken, wodurch einerseits dem neuronalen Zelltod entgegengewirkt wird und andererseits ein protektiver Effekt gegenüber der Beta-Amyloid-Toxizität erzielt werden kann. Beta-Amyloid ist der primäre pathogene Faktor der Alzheimer-Demenz.

CR-Mimetikum

Kalorienrestriktion (CR, calorie restriction) ist bis heute die einzige interventionelle Maßnahme, für welche experimentell eine Lebensverlängerung nachgewiesen werden konnte. Der Mechanismus ist eine Aktivierung von Sirtuinen und eine dadurch bedingte gesteigerte und lebensverlängernde DNS-Reparatur. Dieser Effekt konnte auch an humanen Zellen beobachtet werden. Resveratrol zeigt auf zellulärer Ebene die gleichen lebensverlängernden Effekte wie eine Kalorienrestriktion.

Bioverfügbarkeit

Resveratrol wird peroral gut aufgenommen, jedoch relativ rasch metabolisiert. Wissenschaftlich kontrovers diskutiert wird, ob nur das frei vorliegende Resveratrol oder auch dessen Metaboliten biologisch wirksam sind. Andere Pflanzenpolyphenole, wie zum Beispiel Quercetin, scheinen Resveratrol vor zu rascher Metabolisierung zu schützen. Die Toxizität von Resveratrol wird als gering eingestuft. Der Acceptable Daily Intake wurde mit 390 mg für einen 65 kg schweren Menschen errechnet.

Pflanzenstoff mit klinischem Potential

Zukünftige groß angelegte klinische Studien werden zeigen, in welcher Form sich Resveratrol auch in der klinischen Praxis etablieren wird. Seine spezifischen und vielfältigen Effekte machen den Pflanzenstoff jedenfalls zu einer der interessantesten bioaktiven Substanzen der Phyto-Wissenschaften.

* Erstveröffentlicht im "PRO Q2/2016 - Magazin für medizinische Fachkreise". www.promedico.at

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