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Glutensensitivität oder Zöliakie

Anna Schönegger

Die Prävalenz der Zöliakie liegt zwischen 1 : 100 und 1 : 400. Welche Ursachen und Folgen hat die Diagnose „Sprue“, und wie grenzt sie sich von der Glutensensitivität ab?

Was ist Gluten

Die wesentliche Gemeinsamkeit von Zöliakie (Sprue) und Glutensensitivität ist die Unverträglichkeit gegen Gluten. Gluten bedeutet wörtlich „Leim“. Tatsächlich lässt der Name auf seine lebensmitteltechnologische Funktion schließen: Gluten sorgt dafür, dass Brötchen in sich zusammenhalten, und ermöglicht so ihre Form. Dabei fangen Glutenstränge beim Anteigen Wasser und Gärgas ein und dehnen sich dadurch aus. Biochemisch gesehen ist Gluten ein Getreideprotein, das sogenannte „Klebereiweiß“. Grundsätzlich werden, je nach Löslichkeit, 4 verschiedene Gruppen von Speicherproteinen unterschieden: Prolamine, Glutenine, Globuline, Albumine. Prolamine und Glutenine werden als „Gluten“ zusammengefasst.

Weizen-Prolamine sind besonders reich an den Aminosäuren Prolin und Glutamin. Dem menschlichen Körper fehlen jedoch jene Enzyme, welche die prolin- und glutaminhaltigen Peptidsequenzen aufspalten. Deshalb treten die unverdaulichen Glutenstücke durch das Dünndarmepithel, wo sie anschließend vom Enzym Transglutaminase deamidiert werden. Gluten kommt aber nicht nur in Weizen vor. Alle mit Weizen eng verwandten Getreidesorten, wie zum Beispiel Roggen und Gerste, verfügen über eine hohe Konzentration des Klebereiweißes. Reis, Mais und Hirse hingegen, die zu den Süßgräsern gehören, sind glutenfrei.

Zöliakie

Bei Zöliakiepatienten werden die deamidierten Peptide aufgrund einer Fehlregulation des mukosalen Immunsystems als „feindliche“ Proteinkomponenten identifiziert und von antigenpräsentierenden Lymphozyten erfasst. Es wird folglich ein Autoimmunprozess ausgelöst, der in einer entzündungsbedingten Zottenatrophie mündet. Ursächlich für diese Pathologie gelten heute Genvarianten der sogenannten HLA-Proteine.

Bei 95 % der Zöliakiepatienten, aber nur bei 30–40 % der Gesamtbevölkerung kann das Gen für HLA-DQ2 bzw. HLA-DQ8 nachgewiesen werden. Angesichts dessen ist diese Genvariante wohl nicht der einzige Grund für das Auftreten der Erkrankung. Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass die bei Zöliakie vorherrschende Immunüberaktivität ohne dieses Gen kaum auftritt. HLA-Proteine sind auf der Oberfläche der antigenpräsentierenden Zellen lokalisiert und fungieren dort als Rezeptoren, die modifizierte Glutenfragmente einfangen und den T-Lymphozyten präsentieren. Diese schlagen daraufhin Alarm, indem sie Zytokine und Chemokine freisetzen sowie T-Killerzellen anlocken.

Es kann zu einer nachhaltigen Schädigung der Darmzellen kommen. Die auftretende entzündungsbedingte Enteropathie mit Zottenatrophie und Kryptenhyperplasie führt zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Nährstoffaufnahme sowie einem erhöhten Krebsrisiko. Die sich im weiteren Verlauf bildenden Antikörper richten sich gegen die Gewebstransglutaminase Typ 2 (TG2), das Endomysium (EMA) sowie gegen deaminierte Formen von Gliadinpeptiden (DPG). Diese histologischen bzw. serologischen Auffälligkeiten zeichnen die Erkrankung Zöliakie aus, weshalb deren Untersuchung auch zur Diagnose dient.

Glutensensitivität

Bei der nicht-Zöliakie-bedingten Glutensensitivität (NCGS) ist weder das adaptive Immunsystem involviert, noch kommt es zur Bildung von Autoantikörpern. Folglich bleiben auch eine Enteropathie und Zottenatrophie aus. NCGS ist darüber hinaus HLA-DQ2/ DQ8-unabhängig. Die medizinische Wissenschaft vermutet heute, dass bei einer Glutensensitivität das angeborene, unspezifische Immunsystem beteiligt ist: Granulozyten, Makrophagen, natürliche Killerzellen, humorale Faktoren. Die genauen ursächlichen physiologischen Mechanismen sind noch nicht bekannt. Zusätzlich werden neben Gluten auch noch andere Auslöser diskutiert, z. B. Alpha-Amylase-Inhibitoren (ATI).  

Symptomatik und Diagnostik

Die Symptomatik beider Erkrankungen ist nach dem Genuss glutenhaltiger Lebensmittel ähnlich und kann sich sowohl intestinal als auch extraintenstinal manifestieren (siehe unten). Das Zeitfenster zwischen Glutenkonsum und dem Auftreten der Symptome ist bei Zöliakie deutlich länger (Tage bis Wochen) als bei nicht-Zöliakie-bedingter Glutensensitivität (Stunden bis Tage). Diagnostiziert wird eine NCGS meist anhand eines Ausschlussverfahrens: Kann bei Betroffenen keine Zöliakie oder Weizenallergie nachgewiesen werden, jedoch eine Verbesserung der Symptome bei glutenfreier Ernährung, so wird auf eine nicht-Zöliakiebedingte Glutensensitivität geschlossen.

Zöliakie

Intestinal

Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Steatorrhö, Obstipation, Bauchschmerzen, Analprolaps

Extraintestinal

Manifestationen durch Mikronährstoffmangelzustände

  • Anämie (z. B. Eisen, Folsäure, Vitamin B12)
  • periphere Neuropathien (B-Vitamine)
  • Infertilität (z. B. Selen, Zink)
  • Knochenschwund (z. B. Vitamin D, Calcium)
  • Müdigkeit (z. B. B-Vitamine)
  • Blässe (Eisen, B-Vitamine)
  • rezidivierende Aphthen der Mundhöhle (z. B. Zink)
  • Kopfschmerzen (z. B. Magnesium)
  • Gelenkschmerzen (z. B. antioxidative Vitamine und Spurenelemente)

Manifestationen durch Makronährstoffmangelzustände

Kleinwuchs, Untergewicht, verzögerte Pubertätsentwicklung

Nicht-Zöliakie bedingte Glutensensitivität

Intestinal

Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Obstipation, Bauchschmerzen

 Extraintestinal

Manifestationen durch Mikronährstoffmangelzustände

  • Müdigkeit (z. B. B-Vitamine)
  • Kribbeln und Taubheitsgefühl in Händen und Füssen (z. B. B-Vitamine, Calcium)
  • Kopfschmerzen (z. B. Magnesium)
  • Hautausschlag (z. B. Selen, Zink)

Manifestationen durch Makronährstoffmangelzustände

Gewichtsverlust

© Nadya Spetnitskaya

Therapie

Sowohl bei Zöliakie als auch bei nicht-Zöliakie-bedingter Glutensensitivität gilt eine glutenfreie Ernährung als Standardtherapie. Diese muss zumindest bei Zöliakie strikt und ein Leben lang eingehalten werden. Nur so kann sich der Dünndarm bzw. die Schleimhaut regenerieren, und Verdauungsbeschwerden können herabgesetzt werden. Die Therapie der Zöliakie wird vielfach auch mit speziellen Arzneimitteln unterstützt.

Nährstoffdefizite ausgleichen

67 % der Zöliakie-Betroffenen weisen zum Zeitpunkt der Diagnose eine Malnutrition auf. Speziell das Spurenelement Eisen, B-Vitamine, Vitamin D, Magnesium und Calcium stehen dabei initial im Fokus der Behandlung. Diese Nährstoffdefizite können persistieren, wenn sich der Betroffene nicht an eine glutenfreie Diät hält oder die Umstellung eine unausgewogene Ernährung mit sich bringt.

Eisen

Studien zufolge sind bis zu 70 % der Zöliakiepatienten zum Diagnosezeitpunkt anämisch. Grund dafür sind sowohl Malabsorption als auch Blutverluste im Gastrointestinaltrakt als Folge von Dünndarmentzündungen. Eine glutenfreie Diät verbessert über die Reduktion der Zottenatrophie den Eisenstatus. Hierfür sind 6 Monate bis 2 Jahre erforderlich. Insofern ist eine Eisensupplementation zielführend und empfehlenswert.

Calcium

 Die Calciumaufnahme ist bei nur 30 % der Zöliakiepatienten unter glutenfreier Diät zufriedenstellend. Grund dafür sind der geringe Konsum von Milch und Milchprodukten (z. T. durch eine sekundäre Laktoseintoleranz bedingt) sowie die im Vergleich niedrigen Mineralstoffgehalte in glutenfreien Backwaren. Angesichts der Tatsache, dass Zöliakie ohnehin einen Osteoporose-Risikofaktor darstellt, sollte der geringen Calciumzufuhr unbedingt entgegengewirkt werden. Ergänzend ist auch eine Vitamin-D-Supplementierung anzuraten.

B-Vitamine

Eine strikte glutenfreie Ernährung bringt durch Ausschluss zahlreicher Nahrungsmittel häufig eine unzureichende B-Vitamin-Versorgung mit sich. Müdigkeit, Abgeschlagenheit und gedrückte Stimmung können auf Vitamin-B-Defizite hindeuten. Eine Ergänzung mit B-Vitaminen, bevorzugt im Complex, ist ratsam, um Energiehaushalt und Nervenfunktion zu unterstützen.

© Kate Remmer

Verboten

Glutenhaltiges Getreide

Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Dinkel, Grünkern, Urkornarten wie Emmer, Kamut, Einkorn

Aus glutenhaltigem Getreide hergestellte Produkte

Mehl, Grieß, Nudeln, Flocken, Stärke, Brot, Teigwaren, Kuchen, Torten, Zwieback, Knabbergebäck, Bier, Malzbier, Malzkaffee

Verarbeitete Lebensmittel, die Gluten enthalten können, aber nicht müssen

Kartoffelerzeugnisse (Pommes frites), Obsterzeugnisse (z. B. Obstmus), Milch- und Käseerzeugnisse (Milchmischgetränke), Süßwaren und Knabberartikel, Getreideprodukte und Backartikel (Backpulver), Getränke, Fleischerzeugnisse und Wurstwaren

Erlaubt

Glutenfreies Getreide

Mais, Reis, Buchweizen, Hirse, Maniok, Amaranth, Quinoa

Aus glutenfreiem Getreide hergestellte Produkte

Mehl, Grieß, Nudeln, Flocken, Stärke, Brot, Teigwaren, Kuchen, Torten, Zwieback, Knabbergebäck, Bier

Natürlich glutenfreie Lebensmittel

Obst, Gemüse, Kartoffeln, Milch und Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Eier, Nüsse, Hülsenfrüchte, Wein, Sekt, Spirituosen, Honig, Zucker, Pflanzenöle, Butter, Soja

*Erstveröffentlicht im "PRO Q3/2017 - Magazin für medizinische Fachkreise".
www.promedico.at

Quellen

Caspary WF.; Gluten – Vorkommen und Toxizität bei Zöliakie. E&M – Ernährung und Medizin 2009; 24: 56–62
Fasano A.; Fatale Darmkrankheit Zöliakie; Spektrum der Wissenschaft 2010 Ebock A.; Zöliakie – Grundlagen, Diagnostik, Ernährungstherapie; Ernährungsumschau 4/2011.
Bonifer R. und Furlano R.; Glutensensitivität, Weizenallergie oder Zöliakie? Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei Getreideunverträglichkeiten; Paediatrica Vol. 27 Nr. 4 2016
Vavricka S.; Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität. Hintergründe und Therapieoptionen. Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin 2013 Ebock A.; Zöliakie – Grundlagen, Diagnostik, Ernährungstherapie. Ernährungsumschau 4/2011.
Harper JW et al.; Anemia in celiac disease is multifactorial in etiology; American Journal of Hematology 2007
Myszkowska-Ryciak J.; Evidence of high fat and sugar intake, and low fibre and selected minerals intake in adult female coeliac patients; Journal of Pre-Clinical and ClinicalResearch, 2010; (4)2:112-115


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